Yinkin der Schafhirte

von Nick Brooke

Eines Tages, als Orlanth sich die Sorgen und Nöte seiner Verwandten berichten ließ, kam sein Halbbruder Yinkin die Katze, mit hängenden Ohren und eingerolltem Schwanz zu Orlanth und sprach:

„Oh Bruder Orlanth, Bruder Hund lacht mich schon wieder aus. Er sagt, er täte sinnvolle Arbeit, während ich nur den ganzen Tag faul herum liegen würde. Da habe ich ihm entgegnet, jemand müsse schließlich die Kornkammer bewachen und diese lästigen Vögel ständig von den Feldern scheuchen. Aber er hat immer noch weiter gemeckert, er könne das alles genauso gut, doch ich könne niemals seine Arbeit verrichten und dem kleinen Voriof dabei helfen Deine Wolkenschafe in den Hügeln zu hüten. Oh Orlanth, mein Bruder, lass mich heute mit Deinem Sohn Voriof gehen und selbst die Schafe auf ihre Weide führen.“

Orlanth lachte schallend und sprach: „Oh Bruder Yinkin, Du solltest dem, was Bruder Hund sagt nicht zu viel Beachtung schenken. Wir sind alle verschieden, und jeder von uns kann etwas anderes besonders gut. Aber wenn Du willst, dann erledige Du heute die Arbeit von Bruder Hund. Viel Glück! Nimm meine Wolkenschafe und geh mit dem kleinen Voriof hoch auf das Weideland. Bewache sie, und bring sie wieder heil zurück.“

So machten sich Yinkin und Voriof zu den Hügeln auf, um die Schafe zu hüten. Da dachte Yinkin bei sich: „Warum laufen wir bloß so langsam? Die können doch viel schneller laufen.“ Da zeigte er seine Krallen und fletschte seine Zähne, ließ seine Augen aufblitzen und fauchte ein lautes „Chhh! Chhh!“. Die Schafe sprangen los und flüchteten bis auf die Spitze des Hügels hinauf.

„Wieso hast Du das getan?“, fragte Voriof, und Yinkin erklärte es ihm. „Ah, ich verstehe“, sagte Yoriof, „aber Bruder Hund macht es niemals auf diese Weise.“ „Das mag sein“, erwiderte Yinkin, „vielleicht mag er dieses faule Getrotte den Weg hinauf…“. Er sprach’s und lächelte sein Katzenlächeln.

Als sie oben ankamen, standen die Schafe alle auf einem Fleck zusammen und grasten alle dieselbe Stelle ab. Da dachte Yinkin bei sich: „Wieso hocken die nur alle auf einem Haufen und fressen alle das gleiche Gras? Die wären doch viel glücklicher, hätte jedes sein eigenes Stück, für sich allein.“ So scheuchte er die Schafe umher, bis jedes zitternd und zappelnd allein dastand.

„Wieso hast Du das getan?“, fragte Voriof, und Yinkin erklärte es ihm. „Ich vermute Du hast Recht“, sagte Voriof, „aber Bruder Hund macht das niemals auf diese Weise.“ „Ach“, erwiderte Yinkin, „vielleicht ist es leichter für ihn, wenn sie alle zusammen stehen…“ Und Yinkin freute sich, dass er so viel besser war als sein Rivale.

Als sonst nichts weiter geschah, legte sich Yinkin hin, während Voriof nach der Herde sah. „Weck mich, falls etwas passiert“, sagte Yinkin, „Ich kämpfe besser, wenn ich ausgeruht bin.“ „Bruder Hund rennt normalerweise die ganze Zeit umher und bewacht die Schafe.“, erklärte Voriof. „Nur ein schlechter Hirte muss ständig seine Arbeit kontrollieren“, entgegnete Yinkin, „Ich weiß, dass die Schafe hier gut und sicher aufgehoben sind.“ „Nun ja, …“, sagte Voriof, aber die Katze war bereits eingeschlafen.

Nachdem er so die meiste Zeit des Tages verschlafen hatte, wachte er auf. Alles schien in Ordnung als er sich umblickte. Da ging er los, um etwas zu essen, für sich und den Jungen zu jagen. Er fand einen

Hasen, den er zu Voriof zurückbrachte. Doch dieser sah sehr verängstigt aus. Es war schon spät geworden.

„Du brauchst Dir um mich keine Sorgen zu machen. Ich kann auf mich selbst aufpassen“, sagte die Katze, „Wie dem auch sei. Schau, was ich gefunden habe!“. Darauf sagte Voriof: „Du bist es nicht, um den ich mir Sorgen machte, aber egal. Schau, was ich verloren habe! Es wird dunkel und die Schafe sind über den ganzen Berg verteilt. Es wird eine harte Arbeit sie alle wieder zusammen und hinunter in den Stall zu treiben.“ „Och, das ist leicht“, sagte Yinkin. Mit seinen kleinen Katzenaugen konnte er sehen wo jedes einzelne Schaf war. Er schlich sich von hinten an sie heran und heulte und fauchte, bis sie alle den Berg hinunterrannten. Yinkin lief ihnen hinterher, so dass sie alle zusammen unten ankamen.

„Das war ein Kinderspiel!“, rief Yinkin. „Aber die Schafe sehen jetzt müde aus“, meinte Voriof. „Was soll’s?“, sagte die Katze, „Ich dachte, wir verschaffen ihnen heute mal ein bisschen Aufregung. Sonst werden sie noch alle fett und faul, wenn sie nicht genug Bewegung bekommen.“ „Ja, vermutlich“, sagte Voriof etwas durcheinander. Bruder Hund hatte das ihm gegenüber nie erwähnt, aber jetzt konnte er nicht erkennen, was falsch daran sein sollte, und dennoch…

Am nächsten Tag kam Orlanth, um nach seinen Schafen zu sehen. Sie hatten Stöckchen und Kletten überall in ihrer wolkig, weißen Wolle. Sie schauten nervös aus und waren viel dünner geworden. Als Yinkin sich ihnen näherte, huschten sie alle davon.

„Wie ist es gelaufen, Yinkin?“, fragte Orlanth. „Sehr einfach, mein Bruder“, antwortete Yinkin. „Zu einfach, um ehrlich zu sein. Bruder Hund hat anscheinend eine echt gemütliche Arbeit. Es bietet nicht genug, um mein Interesse zu wecken. Wenn Du willst, helfe ich ihm von Zeit zu Zeit ein bisschen aus. Ich glaube nicht, dass wir ihn derzeit vom Hof werfen müssen – auch wenn er ein fauler Schnorrer ist.“

Orlanth lachte und kratzte seinem Halbbruder hinter den Ohren. „Du hast natürlich Recht, Bruder Yinkin. Du hast es viel besser gemacht als Dein Bruder. Es ist offensichtlich, dass er nicht mit Dir konkurrieren kann. Aber ich will großzügig sein und ihm seinen Teil lassen. Auf seine Weise verrichtet er die Arbeit gut genug. Wenn er mal Hilfe braucht, weiß ich jetzt ja, wen ich fragen muss.“ Aber seltsamerweise, hat Orlanth danach Yinkin nie gebeten seine Schafe zu hüten.

Katze

Diese Geschichte wurde inspiriert durch Martin Crim, der vorgeschlagen hatte, dass die Orlanthi Katzen zum Hüten von Schafen einsetzen würden. Da ich schon immer Katzen als Haustiere hatte, wollte ich die Unmöglichkeit, dass diese Tiere irgendeine Art nützlicher Arbeit verrichten, zu einem Mythos verarbeiten – bevor jemand seine Geduld (oder seine Schafe) verliert.

Es wird gemeinhin angenommen, dass es in der Welt Katzenleute und Hundeleute gibt. Aber schlimmer noch als die lauten, dummen, Lasttier-Hooligan Hundemenschen, wären „Katzen-werden-Hundeleute“. Und es wäre mir ein Abscheu die Orlanthi zu solchen zu zählen. Sie bewundern Katzen vielmehr für offensichtlichen Eigenschaften (Arbeitsscheu, Unabhängigkeit und Autarkie). Sie verbiegen Katzen nicht, damit sie arbeiten. Das überlassen sie lieber lauten, ahnungslosen Brutalos, wie den Hunden. Eine ungewöhnliche, seltsame Orlanthi Sippe könnte dennoch Katzen zum Hüten von Schafen einsetzen. Deren Mythos hätte wahrscheinlich eine Verbindung zu dieser Geschichte von Yinkin dem Schafhirten. Wahrscheinlich ließen sich auch noch viele weitere Yinkini Einflüsse auf einem solchen Hof finden.

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