Orlanth begegnet Ernalda

Zu Beginn der Epoche, an die wir uns gerade noch erinnern können, weitete der Weltherrscher seine Macht auf die Gottheiten des Erdstammes aus. Die Führerin dieses Stammes war die Göttin Asrelia. Doch sie setzte sich zur Ruhe, als der Weltherrscher an die Macht kam. Asrelia war die erste Göttin, die außerhalb des Großen Berges gelebt hatte. Sie hatte viele Kinder, doch nur drei von ihnen sind hier von Interesse. Dies waren Drillingsschwestern, deren Geburt eine neue Musik in die Welt gebracht hatte.

Als Asrelia sich zur Ruhe setzte, verteilte sie ihre weltlichen Güter an die Drillinge. Das Große gab sie Maran Gor, Das Meiste gab sie Esrola und Das Kleinste gab sie Ernalda.

  • Maran Gor ist daher die Göttin der größten Manifestationen der Erde, wie Erdbeben, Vulkane, Erdrutsche, aber auch von Herbst, Krankheiten und Verfall.
  • Esrola (die regional noch viele andere Namen trägt) ist die Göttin der Frucht der Erde. Sie manifestiert sich durch Nahrung, Kinder, sexuelles Verlangen und Blut.
  • Ernalda ist die Göttin der spirituellen Erde. Ihre Kräfte lassen sich nicht in dinglichen Sachen finden, sondern in Taten, Regeln, Zeremonien, Musik und der Pflege der Familie.

Aufgrund der Gesetze des Weltherrschers verließ Ernalda das Haus ihrer Mutter und begab sich in den Palast des Weltherrschers, wo sie seiner Gattin als Dienstmädchen dienen musste.

Jeder Stamm entsandte Gottheiten zum Großen Palast, und so geschah es, dass sich Orlanth und Ernalda am Hof des Weltherrschers zum ersten Mal erblickten. Unruhe hatte bereits Einzug gefunden und der Krieg hatte am Rande des Universums begonnen, wo Umaths Volk sein eigenes Königreich errichtete. Risse begannen sich durch Teile des Palastes auszuweiten. Ungeziefer war in der Küche gesehen worden und fremde Kreaturen durchstreiften den Garten. Der Palast war nicht mehr sicher, so dass Ernalda dort nicht länger verbleiben konnte.

Die drei Wettbewerbe

Als Orlanth das erste Mal den Palast betrat, um gegen den Weltherrscher in einem Tanzwettbewerb anzutreten, blickten sich Orlanth und Ernalda das erste Mal in die Augen. Sie sah, dass er sie sah. Und er sah, dass sie ihm sogar zuschaute, als die meisten anderen wegschauten. Alle sagten, dass Orlanth den Wettkampf verloren hätte. Sogar seine dummen Brüder lachten ihn aus, weil er seine Zeit vergeudete. Aber Orlanth wollte Ernalda wiedersehen.

So ging er später erneut in den Palast, um gegen den Weltherrscher in einem magischen Duell anzutreten. Dort offenbarte er, dass er das Geheimnis des Erschaffens beherrschte. Als Ernalda das sah, richtete sie es so ein, dass sie dort stand, wo Orlanth den Palast verlassen musste. Orlanth bemerkte sie, wäre aber an ihr vorüber gegangen, wenn sie ihn nicht angesprochen hätte. Und so trafen sie sich das erste Mal.

Bei Orlanths drittem Besuch ging es um einen Wettbewerb der Musik. Der Herrscher des Universums spielte die Harmonie der Sphären auf seiner Harfe des Einsseins. Orlanth jedoch spielte einen Dudelsack. Als die anderen Gottheiten im Palast den Dudelsack hörten und Orlanths aufgeblasene

Dudelsack

Wangen und sein rotes Gesicht sagen, brachen sie in Gelächter aus. Genau darauf hatte Orlanth gehofft, denn nie zuvor hatte es jemand gewagt in der Gegenwart des Weltherrschers zu lachen. Doch die Juroren lachten nicht, sondern erklärten Orlanths Auftritt für unmoralisch und ihn zum Verlierer des Wettbewerbs. Als Orlanth daraufhin den Palast verließ, folgten ihm viele Gottheiten, die dort gewohnt hatten und schlossen sich ihm an. Sie alle lachten laut, als sie durch die Flure des Palastes zogen.

Ernalda lachte ebenfalls, und zwar weil es bisher niemand gewagt hatte in der Gegenwart des Weltherrschers Zorn zu zeigen. Das Eindringen dieser neuen Emotionen in die Öffentlichkeit seines Gerichtshofes, hatte den Weltherrscher offensichtlich verunsichert. Sie lachte, weil nun die Berater des Weltherrschers der Lüge überführt worden waren. Diese hatten behauptet, dass kein Zorn und kein Lachen die Welt verunreinigt hätte. Ernalda war die einzige gewesen, die dem Weltherrscher die Wahrheit gesagt hatte. Dafür konnte sie nun darauf hoffen, etwas Privatsphäre zugestanden zu bekommen, die sie für ihren nächsten Schritt nutzen wollte.

„Dein Lachen ist wie eine neuartige Musik in meinen Ohren“, sagte Orlanth zu ihr. „Sie ist so rein, dass ich sie am liebsten zur mir nach Hause bringen würde.“

„Nicht heute, Herr der Winde“, erwiderte Ernalda, „denn wenn ich von hier fortgehe, werde ich zu dem Haus meiner Mutter zurückkehren.“

„Wenn Du verspricht, Deine Musik erneut mit mir zu teilen, bringe ich Dich zu jedem Ort, den Du Dir wünscht“, antworte Orlanth.

„Nicht heute, Herr der Winde, nicht heute. Aber ich bitte Dich, komm wieder, egal mit welchem Wettbewerb, solange es Dir ermöglicht diese Tore erneut zu durchschreiten.“

Der Tod

So machte sich Orlanth daran, das Unmögliche zu vollbringen und einen vierten Wettbewerb mit dem Weltherrscher durchzuführen. Er wusste auch schon, wie er vorzugehen hatte. Der Weltherrscher hatte einst verlangt, dass jedes neue Ding für eine Inspektion zu ihm gebracht werden müsse. Orlanth suchte nach etwas Neuem, obwohl er wusste, dass dies unmöglich war, denn die Welt war schon seit langem vollständig erschaffen und der Weltherrscher überwachte alles genau.

Eines Tages traf Orlanth dabei auf den Gott Eurmal. Dieser besaß keine Freunde, wegen der vielen schrecklichen Dinge, die er anderen angetan hatte. So hatte er dem Bären seinen Schwanz gestohlen. Er hatte an einem heiligen Ort uriniert. Und er hatte während einer Opferung geredet. Seine letzte Tat war soeben erst vollbracht – er hatte die erste Leiche erschaffen. Eurmal befand sich damals in der Gestalt des alten Raben, der noch weiß war. Erst später wurde er schwarz, nachdem Eurmal der Götterstimme Hantrafal das Feuer gebracht hatte. Als Orlanth ihn traf, versuchte Eurmal gerade die Leiche zu essen.

Eurmal der weiße Rabe

„Was ist das?“, fragte Orlanth. Zuerst war Eurmal überrascht, denn niemand sprach ansonsten zu ihm, außer eben Orlanth.

„Das ist… nun ja… das ist etwas Neues.“ Eurmal fühlte sich nicht wohl in seiner Haut, mit Tod an seiner Seite.

„Du gerissenes kleines Monster“, sagte Orlanth. „Lass uns keine Spiele spielen. Hör auf Ärger zu machen und gib es mir! Sag mir einfach, was Du dafür haben willst, dann tauschen wir und können beide weiterziehen. Was hältst Du davon, wenn ich Dir als Gegenleistung meinen Schutz anbiete?“

Dies war keine Kleinigkeit. In jenen Tagen waren alle Leute ständig bereit Eurmal zu schlagen oder ihn zu verfluchen. Es war daher vielleicht sogar die bestmögliche Gegenleistung. So führte Orlanth Eurmal an der Nase herum. Er trickste den Trickster aus und überredete Eurmal auf diese Weise ihm auch etwas wahrhaft Großes zu geben.

„Aber nur, wenn ich Dir gehorche“, platzte es aus Eurmal heraus.

Somit war die Gefolgschaft gegenüber Orlanth zur Bedingung für ihr Bündnis geworden. So trickste Orlanth Eurmal aus, da er gewusst hatte, dass der Trickster sich auf ein Geschäft mit etwas vergleichbar Wertvollem einlassen würde. Beide lachten und stießen mit beiden Unterarmen aneinander, um die Vereinbarung zu besiegeln. Anschließend ging Orlanth mit seiner neuen Sache zurück, während sich Eurmal wieder seinem Essen zuwandte.

Der vierte Wettbewerb

Vor dem Tor des Palastes des Weltherrschers stand der Gott Gryphon Wache. Er war ein mächtiger Wächter und hätte Orlanth mit Gewalt aufhalten können. So hatte er es mit vielen anderen Göttern gemacht, denen der Palast verwehrt war. Er hatte Vadrus schmählich die Stufen hinuntergestoßen. Er hatte Urox in die Luft gezogen, um ihn dann jenseits des Palastes fallen zu lassen. Und auch gegen Orlanth bereitete sich Gryphon auf einen Kampf vor.

„Du bist hier nicht willkommen“, sagte er. „Verschwinde!“

Orlanth hielt an und versuchte nicht einmal seinen Weg frei zu kämpfen. Er zog lediglich seine neue Waffe hervor und zeigte sie Gryphon. Der Wächter erbleichte vor Furcht, so dass sich seine strahlende goldene Farbe in ein mattes Grau verwandelte. Dann drehte er sich um und lief zu seinem Herrn, um ihm zu berichten. Orlanth durchschritt das nun unbewachte Tor. Doch anstatt auf direktem Wege zum Gerichtshof zu laufen, ging er zu Ernalda. Sie hatte ihn nicht erwartet und kam aus ihrem Zimmer, um ihn zu grüßen.

„Was Du willst, ist übereilt.“, sagte sie. „Es gibt Prüfungen. Zuerst musst Du den Weltherrscher verändern.“ Dies war Ernaldas erste Queste.

„Das werde ich!“, antwortete Orlanth.

Daraufhin ging er los, um diese Veränderung herbeizuführen. Die 294 Juroren wurden herbeigeholt, und es wurde ein Wettkampf der Waffen ausgerufen. Der goldene Pfeil des Weltherrschers flog gerade und zielsicher. Orlanth wäre auf der Stelle zusammengebrochen, wäre er rechtschaffend gewesen. Er zog den Pfeil aus seiner Wunde, gab ihn dem Schützen zurück und sagte:

„Dies sind schlechte Nachrichten für jemanden.“

Das Schwert Tod

Daraufhin zeigte er seine Waffe, worauf Tod aus seiner Scheide sprang und den Weltherrscher schlug. Normalerweise wäre ein Schlag an einer solchen Stelle harmlos gewesen, doch in diesem Fall erschlug die Waffe den Weltherrscher. Er war tot – für immer. Als er zu Boden fiel, schoss sein Blut in Form flüssiger Flammen aus ihm heraus. Sofort brach unter den Höflingen und Gästen ein Tumult aus. Orlanth jedoch blieb ruhig, wischte sein Schwert ab und verließ den Saal. Draußen wartete eine Gruppe von Leuten auf Orlanth. Ihnen hatte bereits seine Musik gefallen, und jetzt schlossen sie sich ihm an. Es waren niedrigere Gottheiten, die zuvor den großen gedient hatten.

Sie sprachen: „Wir kennen einen geheimen Weg aus dem Palast, auf dem uns die Soldaten des Weltherrschers nicht folgen können. Komm mit uns!“

„Geht ruhig“, sagte Orlanth, „oder kommt mit mir. Ich muss zuerst meine zukünftige Frau finden.“

Darauf ging er los, sie zu finden und die anderen folgten ihm. Als er ihre Kammer erreichte, waren die Türen bereits geöffnet und luden ihn ein.

„Gute Ernalda“, sagte Orlanth, „ich möchte Dein Lachen im Hause Deiner Mutter hören.“

Asrelias Haus

Ernalda hatte sich bereits auf ihre Flucht vorbereitet. Kesta hatte Essen beiseitegeschafft. Berlintha hatte Kleidung eingepackt. Mahome hatte Ton-Röhren gefertigt, die Feuer enthielten. Istena hatte viele Schläuche mit Wasser und Wein gefüllt. Arnna trug eine kleine Schatztruhe, und Jera besaß Ausrüstung für Heilung. Beseta und Besanga konnten sich selbst in Stuten verwandeln und waren bereit alles zu tragen. Nur Ernaldas Webstuhl fehlte noch.

„Der muss auch noch mit.“, sagte sie.

„Ich könnte ihn wahrscheinlich mit einer Hand tragen.“, antwortete Orlanth. „Aber ich vermute, dass wir bald angegriffen werden und würde es begrüßen, müsste ich nichts tragen.“ An seine Gefolgsleute gewandt sagte er weiter: „Ihr da, tragt dies für die gütige Göttin.“

Die ehemaligen Diener versammelten sich um den Webstuhl und begannen im gemeinsamen Rhythmus zu rufen und das Gerät anzuheben. Und nochmal. Und nochmal. Es gab unter ihnen viele starke Männer, doch es gelang ihnen nicht den Webstuhl hochzuheben. Orlanth hörte bereits wie die Rächer des Weltherrschers näherkamen.

„Es scheint, als müsste ich doch mit einer Hand kämpfen“, sagte er, beugte sich vor und hob das große Gerät empor. Plötzlich schrumpfte der Webstuhl aber, bis er klein genug war, dass er in eine Tasche passte.

„Was mein ist, ist nie eine Last, auch wenn es Leben schaffen kann“, sprach Ernalda und fügte dann hinzu: „Mein Bündnis mit Dir, erlaubt es Dir beide Hände zu nutzen. Wie Du sie indes einsetzt, ist Dir überlassen.“

Darauf nahm Orlanth sanft Ernaldas Hände, aber nicht auf die förmliche Weise an den Gelenken, sondern er nahm ihre Hände in die seinen. Dies nennen wir den Zweigriff und es wird heute noch beim Flirten praktiziert. So standen sie da und blickten sich Aug in Aug. Dann sprang Orlanth herum, zog seine Waffen und trat einer großen Horde wütender Halbgötter gegenüber, die ihren Herrn rächen wollten. Orlanth vertrieb die Götter und bewies so, dass es einen großen Unterschied zwischen ihren Wünschen und ihren Fähigkeiten gab. Orlanth führte Tod in seiner Hand, und so lagen bald zahlreiche Leichen zu seinen Füßen, und der Rest der Horde flüchtete in Panik.

Orlanth verließ den Palast durch das Haupttor, gefolgt von Ernalda mit ihren Zofen und einer wachsenden Gruppe anderer Götter, die sich alle Orlanth anschließen wollten. Orlanth brachte Ernalda in das Haus, in dem ihre Schwestern lebten und machte sich daran wieder zu gehen. Er nahm ihre Hände erneut in den Zweigriff und verabschiedete sich. Doch sie ließ seine Hände nicht los, sondern drückte sie leicht, als wolle sie damit etwas fragen. So verblieb Orlanth noch einen Augenblick länger. Dies wird der Viergriff genannt.

Asrelias Haus

Ernalda sprach: „Tritt ein und lass mich mein Lachen mit Dir teilen.“

So blieb Orlanth noch eine Weile. Doch nicht lange. Sie versorgte seine Wunden und er kämmte ihr Haar. Beide lachten – und so begann die Brautwerbung.

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